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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Das Larsen-Eisschelf

Das Larsen-Eisschelf wird in vier Sektoren unterteilt. synthese. Diese chemischen Stoffe treten vor allem aus dem Boden aus kalten Sickerstellen aus und werden von den Bakterien «einverleibt». So bilden sich grosse Bakterien-Matten. Sie dienen anderen Tieren als Nahrung, vor allem Muscheln und Schnecken. Und diese wiederum werden wahrscheinlich von Fischen gefressen, die in diese abgelegenen Zonen «zum Jagen» kommen. Bricht nun aber das Schelfeis weg und wird das darunterliegende fragile Ökosystem oben sozusagen geöffnet, verändert sich alles ganz schnell, sogar für antarktische Verhältnisse. Denn schon in den drei Jahren zwischen dem Abbruch der Eisplatte und den Untersuchungen der Forscher beim Larsen-B- Eisschelf hatten sich Sedimente auf den Bakterienrasen abgelagert und diese teilweise erstickt. Die Basis dieses Ökosystems war weg. Fünf beziehungsweise zwölf weitere Jahre später waren neue Arten von Wirbellosen und Fischen in die freigelegte Region eingewandert. Denn es machte sich pflanzliches Plankton breit, das mit der Meeresströmung in die eisfreie Zone geschwemmt wurde. Und dieses wiederum zog die ganze Nahrungskette nach sich: Krill, Fische, Robben, Wale. Die ursprüngliche Fauna, die sich über Jahrtausende unter dem Eismantel entwickelt hatte, war hingegen drastisch zurückgegangen. Lückenforschung Man könnte nun argumentieren, dass es sich bei der Situation am ehemaligen Larsen-B-Eisschelf um ein einzigartiges Ereignis handelt, entstanden durch besondere Bedingungen an dieser einen Stelle des Meeresbodens. Dagegen spricht aber, dass die gesamte Fläche an antarktischem Meeresboden, der unter Schelfeis liegt, mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer beträgt. Das entspricht ungefähr der Fläche der Sahara. Die Wahrscheinlichkeit, dass an anderen Orten weitere solche biologischen Hotspots existieren, ist also entsprechend hoch. Doch Untersuchungen solcher Areale sind rar und unser Wissen über mögliche «versteckte» Biotope unter den Eisschelfen lückenhaft. Dies hängt nicht zuletzt mit der Unzugänglichkeit der Regionen und den technischen Schwierigkeiten zusammen, mit denen Forscher zu kämpfen haben. Manchmal kommt jedoch der Forschungswelt König Zufall zu Hilfe: Im Juli 2017 brach auch am Larsen-C-Eisschelf, das südlich des ehemaligen B-Eisschelfs liegt, ein grosses Stück von der Platte ab. Der C- Sektor ist ungefähr so gross wie die Schweiz. Bereits 2006 machte sich deutlich ein grosser Riss am Rand des Schelfeises bemerkbar, der sich langsam, aber kontinuierlich durch die Platte frass – insgesamt über eine Länge von 175 Kilometern, bis im Juli dieses Jahres schliesslich ein Stück so gross wie der Kanton Bern komplett Schelfeis wie hier im Rossmeer kann sich Hunderte von Kilometern über das Meer ausdehnen. 62 PolarNEWS

Luftaufnahme vom Anfang November: A-68 hat sich bereits 18 Kilometer verschoben. Dieselbe Aufnahme mit der Wärmebildkamera links zeigt, wie schnell sich die Wassertemperaturen in diesem Gebiet verändern (gelb = warm, blau = kalt) Bilder: Wikipedia; Michael Wenger; Nasa. wegbrach und anfing abzudriften. Es entstand einer der grössten Eisberge, die man bisher gesehen hatte, 175 Kilometer lang und über 50 Kilometer breit. Anders formuliert: 11 Prozent der Gesamtfläche des C-Sektors. Die Wissenschaftler gaben ihm den Namen A-68. Nun werden sich auf dem Meeresboden des C-Sektors die Vorgänge wiederholen, die wir eben beim B-Sektor beschrieben haben. In einer schnellen Reaktion hat die CCAMLR, die Kommission zum Schutz antarktischer mariner Organismen, deshalb das über 5800 Quadratkilometer grosse Gebiet zu einer Wissenschafts- und Schutzzone erklärt. Damit dürfen in den nächsten zwei Jahren ausschliesslich Forscher dorthin fahren. Und ihre Aufgabe wird sein, den dortigen Meeresboden zu untersuchen. Eine der ersten Aktionen wird die Sondierung und Kartographierung des Bodens und der dort lebenden Bewohner sein. Sowie die Untersuchung, wie schnell neue Organismen einwandern und welche das sein werden. So hoffen die Forscher, unsere im besten Sinne des Wortes klaffenden Lücken im Verständnis der antarktischen Küstenökologie zu verringern. Er wird immer kleiner Und der Eisberg A-68? Er ist derweil vom Eisschelf abgebrochen und beginnt wegzudriften, angetrieben von Wind und Strömungen. Mitte September hatte er sich bereits 18 Kilometer von der Abbruchstelle entfernt, nachdem er sich über Wochen kaum bewegt hatte. Was wird nun mit ihm passieren? Ganz einfach: Er wird in immer kleinere Teile zerbrechen. Bereits wenige Tage nach seinem Abbruch hat sich an der nördlichen Spitze von A-68 ein über 5 Kilometer breites Teilstück gelöst. Damit die Forscher präzise festhalten können, wie schnell ein so grosser Brocken in immer kleinere Teile zerfällt, benutzen sie ein einfaches, aber einleuchtendes Namenssystem: Aus A-68 sind nun die beiden neuen Eisberge A-68A und A-68B geworden. Man sieht, wie’s nun weitergehen wird – bis die Einzelteile so klein sind, dass sie nicht mehr extra erfasst werden. Bis sich das Zählen nicht mehr lohnt, kann es Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern. Das kommt ganz auf die Umstände drauf an. Eisberge als Oasen im Meer Abhängig von der Abbruchstelle und der dortigen Bodenbeschaffenheit wird der Eisberg von der zirkumpolaren Strömung erfasst werden und ins offene Südpolarmeer treiben. Durch Wind, Sonneneinstrahlung, Wellen und das leicht wärmere Wasser wird der Eisberg abschmelzen auf seinem Weg rund um die Antarktis. Immer wieder wird der Berg gerade an den subantarktischen Inseln und in weniger tiefen Gebieten am Meeresboden hängenbleiben und an Ort weiter schmelzen, bis er wieder genügend Masse verloren hat, um weiterzudriften. So ein Schmelzprozess ist kein gleichmässiger Vorgang. Der Eisberg beziehungsweise seine Einzelteile geraten immer wieder in ein Ungleichgewicht, kippen um und rollen, was das weitere Auseinanderbrechen beschleunigt. Immer wieder kommt es auch vor, dass Teile aufgrund PolarNEWS 63

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