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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Wissen Ein über 170

Wissen Ein über 170 Kilometer langer Riss durch das Larsen-C-Eisschelf. Inzwischen ist einer der grössten Eisberge der Geschichte abgebrochen. Zerstörer – und Oase Ein Teil des Larsen-C-Eisschelfs ist abgebrochen. Was passiert nun mit dem riesigen Eisbrocken? Und was mit dem Ökosystem vor Ort? Text: Michael Wenger Zu den eindrücklichsten Erlebnissen, wenn man sich in der Antarktis aufhält, zählt si- cherlich der Anblick der Tafeleisberge. Wie riesige weiss-blaue Inseln treiben diese Giganten in den Wellen des Südpolarmeeres in der zirkumpolaren Strömung rund um den antarktischen Kontinent. Sie scheinen auf den ersten Blick nur hübsche Fotomotive für Antarktistouristen zu sein und eine gelungene Abwechslung zur blaugrauen 60 PolarNEWS

Bilder: John Sonntag/Nasa; Steve Clabuesch/NSF/USAP. Umgebung des Meeres. Doch Forschungsergebnissen zufolge sind Tafeleisberge (und wahrscheinlich auch alle anderen Eisbergformen) wahre Oasen, die einer Vielzahl von Organismen im offenen Meer einen Lebensraum bieten. Daher geht man davon aus, dass sie in der antarktischen Meeresökologie eine wichtigere Rolle spielen als bisher angenommen. Doch wie so häufig existiert auch eine Kehrseite der Medaille: In diesem Fall liegt sie in Bodennähe der Eisgiganten. Denn wenn Eisberge in Küstennähe sind und dort mit ihrer Unterseite über den Meeresgrund schleifen, bleibt ausser tiefen Narben nicht viel übrig. Aus den eisigen Oasen werden eisige Zerstörer. Tafeleisberge (notabene auch alle anderen Eisberge) in der Antarktis haben ihre Ursprünge an den Küsten, wo Gletscher ins Meer fliessen. Dabei spielen Schelfeisgebiete eine Hauptrolle, denn sie sind die Zusammen- und Ausflüsse der Gletscher, die praktisch den gesamten antarktischen Kontinent bedecken. Fliessen mehrere Gletscher zusammen und schieben sich fächerförmig weiter ins Meer hinaus, bilden sich diese Schelfeisgebiete. Von Eisschelf spricht man ab dem Moment, wenn der ins Meer fliessende Eispanzer das kontinentale Land verlässt. Dann schiebt er sich ein Stück weit über den Meeresboden und schwimmt schliesslich wie in Korken im Wasser. Und das in riesigen Dimensionen: Das Ross-Schelfeis zum Beispiel ist ein zusammenhängender «Abfluss» mit einer Fläche von 525’000 Quadratkilometern, das ist eineinhalbmal so gross wie Deutschland. Bis zu 750 Kilometer schiebt sich dieses Schelfeis vom Kontinent ins Rossmeer hinein. Durch zusätzlichen Schneefall und Eisbildung im Meer kann Schelfeis eine Dicke von bis zu 1000 Metern erreichen. Das ist jedoch eher selten der Fall. In der Regel sind Eisschelfe zwischen 200 und 700 Meter dick. Rund 45 Prozent der antarktischen Küstenbereiche sind Eisschelfe. Zerstörer unterwegs Glaziologisch gesehen sind die Eisschelfe von enormer Bedeutung für Antarktika, denn sie verhindern durch ihre Mächtigkeit ein unkontrolliertes Abfliessen der antarktischen Gletscher. Diese Erkenntnis wurde vor allem durch den Verlust von Eisschelfen gewonnen: Zerbricht nämlich ein solches Schelf, vergrössert sich die Fliessgeschwindigkeit der dahinterliegenden Gletscher um das Drei- bis Fünffache. Gäbe es also kein Schelfeis, würde das eine Kettenreaktion bis weit ins Innere des Kontinents Antarktika auslösen, wo die Gletscher ihre Geburtsorte haben. Auch vorne an der Gletscherkante würden sich grosse Veränderungen abzeichnen, vor allem durch eine vermehrte Bildung von Gletschereisbergen. Denn diese Eismassen ziehen über den Boden, pflügen diesen um und zermalmen ihn und bringen Tod und Verderben über allfällige Bodenbewohner. Dazu gehören vor allem Seesterne, Seeigel, Muscheln, Seegurken, Schwämme und Krebse. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Zerstörung durch solche Ereignisse sehr massiv ist. Schlimmer noch: Wiederbesiedlungen der Meeresböden kommen eher selten vor. Weil dort, wo ein Eisberg abgebrochen ist, immer wieder neue Eisberge abbrechen und den Boden von neuem zerstören. Wissenschaftler beobachten, dass sich im Zuge des Klimawandels solche Eisberg-Abbrüche häufen – das ist fatal für die Flora und die Fauna unter Wasser. Intakte Eisschelfe darf man deshalb als Ruhezonen bezeichnen, unter denen die Umstände und Bedingungen für lange Zeit relativ konstant bleiben. Das ist ideal, wenn man als Organismus mit wenig auskommt, keine grossen Strecken zurücklegen möchte für Nahrungs- und Partnersuche und man es ungestört mag. Biologische Hotspots Schelfeis, das Dutzende und Hunderte von Kilometern ins Meer hinausragt, blockiert die oberflächlichen Meeresströmungen. Nur Tiefenströmungen fliessen unter dem Eis durch, transportieren aber dafür viele Nährstoffe. Was uns zu folgenden Fragen führt: Gibt es Leben unter dem Schelfeis? Und wenn ja: Wie sieht das aus? Denn unter so viel so dickem Eis, da ist es praktisch dunkel. Die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja! Als im Frühling 2002 das Larsen-B-Eisschelf an der Ostseite der Antarktischen Halbinsel abbrach, eine Eisplatte mit einer Fläche von über 3200 Quadratkilometern, eröffnete sich den Forschern drei Jahre später während einer Expedition auf dem Meeresboden eine völlig neue Welt. Mehr als 10’000 Jahre hatte das Larsen-B- Eisschelf existiert. Das ist genügend Zeit, damit sich darunter auf dem verdunkelten Meeresboden ein eigenes Ökosystem entwickeln konnte, das einerseits geschützt war von Sedimentablagerungen, Stürmen und zerstörenden Eisbergen. Und dessen Lebensbasis anderseits nicht auf Energie aus Sonnenlicht, sprich Photosynthese beruhte. Die Basis dieses verborgenen Ökosystems bilden Bakterien, die aus dem Abbau von Schwefelwasserstoffen und Methan Energie gewinnen, man nennt das Chemo- Wenn sich Eis über den Meeresboden schiebt, wird alles Leben zermalmt. PolarNEWS 61

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