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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Historisch

Historisch «Anständiges Loch» Hartmut Halang, 80, aus Leipzig meldet sich per Mail bei der Polar- NEWS-Redaktion. Wegen des Artikels im Heft Nummer 25 über die 49 Tage dauernde Rettung des italienischen Kommandanten Umberto Nobile und seiner Crew, die mit dem Luftschiff «Italia» auf dem Rückweg vom Nordpol abgestürzt waren und vom russischen Eisbrecher «Krassin» gerettet wurden. Der «Krassin», schreibt Hartmut Halang, habe kurz nach der Rettung des «Italia»-Teams auch das leckgeschlagene deutsche Kreuzfahrtschiff «Monte Cervantes» aus Seenot gerettet. Sein Vater Walter sei damals mit an Bord der «Monte Cervantes» gewesen und habe Tagebuch geführt und fotografiert. PolarNEWS könne über sämtliche Dokumente verfügen. Hier kommt die Geschichte von Walter Halang und der Rettung der «Monte Cervantes» durch den Eisbrecher «Krassin». Text: Christian Hug Bilder: Walter Halang Montag, 16. Juli 1928: «Bei Bullenhitze 5.21 Uhr nach Dresden», notiert Walter Halang im Nachtzug und eröffnet damit das Tagebuch seiner Kreuzfahrt mit dem Dampfer «Monte Cervantes»: Von Hamburg der norwegischen Küste entlang nach Longyearbyen in Spitzbergen soll die Reise gehen, 19 Tage auf See – aber es sollte alles ganz anders kommen. Vorerst aber schifft Walter am folgenden Tag im Hamburger Hafen ein Walter Halang, ca, 1930. und freut sich schon mal über eine neue Bekanntschaft: «Am Tisch nette Nachbarin (nicht mehr jung allerdings) aus Berlin.» Die Frau «pussiert tüchtig». Einige Tage später wird Walter schreiben: «Frl. Gl. (Tischnachbarin) will sich mir anschliessen, ich lehne ab. Ist dumm. So bin ich immer.» Walter ist zu diesem Zeitpunkt 30 Jahre alt und ledig, ein Lehrer aus der Kleinstadt Wilthen, 50 Kilometer östlich von Dresden, er kann sich die 300 Mark für die Expedition leisten, und er interessiert sich für fremde Sprachen und ferne Länder. Die «Monte Cervantes» ist der Stolz der Hamburg-Südamerika-Linie (die heutige Reederei Hamburg Süd): ein Prachtskahn von 159,7 Metern Länge und 11,5 Metern Tiefgang mit zwei topmodernen 4000-PS- Dieselmotoren, Platz für 1750 komfortabel residierende Gäste und 325 Seelen Besatzung, luxuriöser Rauchsalon. Für die als «Nordlandreise» betitelte Fahrt nach Longyearbyen wurde der Bug extra eisverstärkt – es ist erst die dritte Fahrt, die der seit sechs Monaten in Dienst stehende Dampfer heute in Angriff nimmt. Alles ist neu, alles ist aufregend. An Bord sind 1517 Passagiere. Langeweile und Todesfall Vorerst aber hält sich die Begeisterung der Kreuzfahrer in Grenzen: Die Aussicht auf die Küste Norwegens ist von Nebel getrübt, Walter hat Kopfschmerzen und ein mulmiges Gefühl im Magen, er nervt sich über das Genörgel seiner deutschen Reisegefährten. Etwas Auflockerung bietet die rituelle Polartaufe am Nachmittag des 21. Juli, am folgenden Tag gibts immerhin einen Landgang in Tromsø. Aber am 23. Juli hüllen sich das Nordkap und später die Bäreninsel schon wieder in Nebel. «Leider trüb. Zum Fotografieren nichts», notiert Walter in sein Tagebuch. «Trostlose Landschaft. Kein Baum, kein Garten.» Das Schiff pflügt sich durch das unruhige offene Meer, «bedenklich schwankt der Kasten». 54 PolarNEWS

Der russische Eisbrecher «Krassin» (links) legt längsseits an den deutschen Kreuzfahrtdampfer «Monte Cervantes» an. Bild aus dem Buch «S-O-S in der Arktis – die Rettungsexpedition des Krassin» von Rudolf Samoilowitsch. Walter bleibt Zeit, sich Gedanken über die einheimische Bevölkerung zu machen: «Es ist kein Wunder, wenn der Norweger ernst und wortkarg ist, bei dieser dauernden Beeinflussung durch die Landschaft und das Klima. Hübsche Menschen aber sonst.» Immerhin: Weil in den Salons täglich die neusten, per Funk übermittelten Zeitungsmeldungen aufgelegt werden, sind die Gäste über das Geschehen in der Welt informiert. So erfährt Walter Halang am 24. Juli, dass das Versorgungschiff «Città di Milano» die Kingsbay auf Spitzbergen Richtung Heimat verlassen hat, an Bord Kommandant Nobile und alle überlebenden Italiener seiner Crew. Das Drama um das abgestürzte Luftschiff «Italia» kommt somit zu seinem Ende, vorläufig jedenfalls. Der russische Eisbrecher «Krassin», der die Crew aus dem Eis gerettet hat, ist auf der Suche nach den Verschollenen. Am selben Tag, es ist ein Dienstag, stürzt der Oberbäcker Richter eine Treppe hinunter und verletzt sich dabei tödlich. Gemäss dem Seemanns-Aberglauben gilt das als schlechtes Omen... Die Stimmung auf der «Monte Cervantes» ist getrübt – heitert sich aber buchstäblich auf, als sich am Abend der Nebel lichtet und zum ersten Mal den Blick auf die Küste Spitzbergens freigibt. Achtung Eisberg! «Ein grossartiger Anblick», schreibt Walter, «keiner denkt an Schlafen.» Kapitän Meyer, in polaren Gewässern unerfahren, führt die «Monte Cervantes» tief in ein grosses Treibeis-Feld hinein. Walter ist begeistert: «Wie da die Schollen ankrachen und zerschnitten werden. Wie die rote Farbe (des Bugs, Anm. d. Red.) abgeschabt wird, die Eisblöcke sich türmen.» Niemand ahnt, dass dieses Manöver zwar gut gemeint, aber gefährlich ist. Die «Monte Cervantes» droht vom Packeis eingeschlossen zu werden. Kapitän Meyer, dessen Vornamen in keiner einzigen Meldung erwähnt wird, sucht sich in einem grossen Bogen einen Weg aus dem Eisfeld, das Schiff kracht durch das Eis. Die Passagiere gehen derweil einer nach dem andern zu Bett, es ist weit nach Mitternacht. «Und schon tost und kracht es wieder. Das Schiff ... erzittert manchmal in allen Fugen, dazu das Krachen und Tosen und Bersten.» Und dann rumpelt es plötzlich ganz gewaltig: «Noch nachts um halb fünf besonderer Krach, weckt uns, tosendes Krachen», schreibt Walter in sein Tagebuch. Edgar Rudolf, ein anderer Passagier an Bord, schreibt später als Zeitzeuge in einer deutschen Zeitung: «Wir ‹Billigfahrer› im Vorderschiff hatten durch das Poltern der am Rumpf anschlagenden Schollen kaum ein Auge zutun können. Da gab es gegen fünf Uhr eine gewaltige Erschütterung. Wir schraken auf. Nach zwei Stunden schoss Meerwasser durch das Abflussrohr ins Wohndeck. Barfüssig im eiskalten Wasser packten wir unsere Siebensachen und eilten die Treppe hoch.» Die «Monte Cervantes» ist an einem Eisberg leck geschlagen! Es herrscht ein enormes PolarNEWS 55

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