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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Licht, Eis, Wasser,

Licht, Eis, Wasser, Land: Anlanden in Kvitøya ist ein schwieriges Unterfangen. ein notabene etwas dickbäuchiges Exemplar von Ursus maritimus am Strand liegen und sein Verdauungsschläfchen halten. Bei herrlichem Licht können wir beobachten, dass auch Bären Yoga praktizieren nach dem Aufstehen und dass sie trotz praktisch vollem Bauch immer mal gerne wieder etwas zum Knabbern mögen. Als wir uns den Walrossen bei Smeerenburg zuwenden wollen, taucht unverhofft ein zweiter Bär auf, hungrig und durchaus bereit, den Kadaver eine Weile für sich alleine zu beanspruchen. Der erste Bär zieht sich schlauerweise zurück, und wir kriegen einen Einblick, wie hungrig der zweite Bär sein muss. Sabbernd und fest entschlossen klettert er auf dem Kadaver herum, taucht seinen Kopf tief in die Löcher und Öffnungen im Kadaver hinein und sichert sich seinen Anteil am etwas streng riechenden Fleisch und Fett. Wir beobachten fasziniert das Tier, machen dann trotzdem einen Abstecher zu den Walrossen von Smeerenburg, die einen lohnenden Tagesabschluss im sanften Abendlicht darstellen, und kehren auf unser Schiff zurück, um die ersten vollen Speicherkarten zu ersetzen. Während die «Plancius» durch erstes Treibeis nach Nordosten fährt, feiern wir unseren klassischen und doch anderen Reisebeginn. Schöne Eiszeit Wettertechnisch gesehen, war diese Saison bisher in vielen Belangen ungewöhnlich. Das Packeis, das den Archipel normalerweise von drei Seiten einschliesst, war bis Februar gar nicht da. Danach hatte es den Norden, den Osten und den Süden bis Mitte Juli fest im Griff. Und auch jetzt, Mitte August, gibt die Natur nicht auf und schickt immer wieder eisige Keile aus dem hohen Norden in Richtung Nord- und Ostküste. Ein Blick auf die Eiskarte zeigt uns, dass Kvitøya, unser Ziel, immer noch von Eis umschlossen und eine Landung unwahrscheinlich ist. Aber zum Glück haben wir etwas Zeit und keinen fixen Plan, wann wir bei der weissen Insel sein sollen. Wir sind sowieso das einzige Schiff, das den Versuch unternehmen will, und brauchen uns daher mit keinem anderen Schiff abzusprechen. Also beschliessen Expeditionsleiter Christian und Kapitän Evgeny Levakov, noch abzuwarten und das ruhige Wetter für etwas Eiszeit zu nutzen: Kurs in Richtung Siebeninseln, dem nördlichsten Bereich des Archipels. Normalerweise sind die Inseln bei Bären sehr beliebt als Rastplatz. Doch unsere Landung auf Phippsøya wird zwar von Walrossen beobachtet, verläuft ansonsten aber ruhig, gemütlich und eisbärenfrei bei top-polaren Bedingungen (kalt und leicht neblig). Auch der Nachmittag an der Küste von Nordaustlandet, bei Reliktbukta, ist ungestört von Eisbären und anderen Tieren, und wir fokussieren unsere Augen auf das Kleine, Wesentliche. Das Ganze bei Sonnenschein und nicht mehr so arktischen Temperaturen, da der Wind fehlt. Ungewöhnlich, aber herrlich. Vor allem, wenn dann noch das Abendlicht des Spätsommers weich und pastellfarben die Küste einfärbt. Alle sitzen lange draussen und geniessen die fast poetische Stimmung. Weiss in Weiss, erster Teil Am nächsten Tag sieht die Eiskarte im Osten nicht rosiger aus, und wir greifen nochmals in die Trickkiste: Karl-XII-Insel, ein auf den ersten Blick gottverlassenes Eiland abseits von allen Routen und selten besucht. Ein Novum nicht nur für die Gäste, sondern auch für einen Grossteil der Guides. Auf den ersten Blick gibt die Insel nicht viel her, doch bei näherem Hinsehen finden sich einige Highlights wie beispielsweise Basaltfelsen, die immer noch von vielen Seevögeln besetzt sind; oder der langgezogene Steinstrand, der im Nebel und der dahinterliegenden Sonne mystisch und geheimnisvoll aussieht. Wie einst Kolumbus fühlen wir uns, als wir (nach dem obligaten Eisbärencheck) die Insel betreten. Wir finden viel Treibholz, noch mehr Plastikmüll (den wir einsammeln) und spielen mit dem Treibeis am Strand. Danach geht es wieder nach Nordaustlandet: Eine Zodiac-Fahrt entlang der Kante des imposanten Schweingaard-Gletschers, 5 Kilometer breit, zerfurcht und, zumindest an der Geräuschkulisse und den Eisklumpen um uns herum erkennbar, durchaus aktiv. Und wieder zeigt sich, dass die Reichhaltigkeit eines arktischen Gebietes sich erst auf den zweiten Blick offenbart: Von neugierigen Bartrobben, Dreizehenmöwen und sogar Elfenbeinmöwen werden wir besucht. 46 PolarNEWS

Wir beenden diesen Tag wie schon den Tag davor: in herrlichem Abendlicht. Am Abend erklärt uns Christian, dass sich das Eis langsam von unserem Ziel löst und wir einen weiteren Tag im Packeis verbringen werden, bevor wir unseren eigentlichen Reisehöhepunkt ansteuern. Doch unser Eis-Tag wird zum Weiss-Tag: Nebel, mal dichter, mal weniger dicht, nimmt uns die Sicht auf mögliche weisse Bären, deren Spuren wir aber immer wieder auf dem weissen Eis sehen. Aber es will sich kein Bär zeigen. Doch davon lassen wir uns nicht beeindrucken, denn wir wissen als erfahrene Arktisbesucher, dass wir auf den zweiten Blick achten müssen. Tatsächlich lichtet sich der Nebel nach dem Abendessen, und es eröffnet sich uns eine herrliche Sicht auf eine traumhaft eisige Landschaft im pastellfarbenen Abendlicht, wie sie nicht einmal Turner hätte malen können. Und zur Abrundung (oder Belohnung für die Geduld) erhalten wir Besuch von einem neugierig-vorsichtigen Bärenmännchen. Doch noch Weiss auf Weiss, umrahmt von Orange, Gelb und Rot! Der Bär beschliesst, dass es sich vielleicht gut in der Nähe des Schiffes schlafen liesse, nur um dann drei Stunden später wieder aufzustehen, uns wieder zu besuchen und dann gemächlich davonzuspazieren. Wer es geschafft hat, schnell aufzustehen, wird mit einem einmaligen Blick auf einen im Morgenlicht stehenden Eisbären belohnt. Doch auch die später Aufstehenden dürfen noch zwei Bären vor dem Frühstück geniessen, wiederum bei Sonnenschein und ohne Nebel. Nächster Halt heute: Kvitøya, der östlichste Ableger des Svalbard-Archipels! Weiss in Weiss, zweiter Teil Vor uns erhebt sich ein riesiger weisser Buckel, als wir uns durch das Packeis dem Ziel unserer Reise nähern. Die Insel ist zu 98 Prozent von einer gigantischen Eiskappe bedeckt und nur an zwei Stellen zugänglich, wovon eine zurzeit von Eis umschlossen ist. Wir haben also nur diese eine Chance an der zweiten Stelle. Und das Wetter scheint uns zumindest hold zu sein, fast kein Wind, bedeckter Himmel und verhältnismässig ruhige See empfangen uns. Nach einem ersten Check der Landzunge, bei der wir einen Eisbären auf der Eiskappe erspähen, spricht Leiter Christian die erlösenden Worte: «Zodiacs bereit in 20 Minuten!» Schön anzusehen, pflügt schon bald unsere kleine Armada von Zodiacs Richtung Andréeneset. Wir hoffen, beim Denkmal für Salomon August Andrée anlanden zu können. Felsen, Sand und im Hintergrund die Eiskappe, das Ganze ummalt von grauen Wolken, bilden eine dramatische Szenerie. Immer wieder halten wir an, um nach der lokalen Tierwelt Ausschau zu halten. Doch scheinbar haben die Walrosse es vorgezogen, sich dünn zu machen. Dafür entdeckt Gérard, einer der Guides, rechts von unserer angepeilten Landestelle einen schlafenden Bären an der Küste – und Christian auf der linken Seite hinten einen weiteren schlafenden Bären. Beide Könige sind relativ weit weg von der Landestelle, und wir können sogar das Denkmal genau sehen, nur gerade 150 Meter vom Strand weg. Nach Rücksprache und genauer Beobachtung der Lage entschliessen wir uns, immer zwei Booten gleichzeitig eine Landung am Strand zu erlauben, jedoch keinen Spaziergang. Währenddessen beobachten die anderen den einen Bären am Strand, und somit haben alle etwas zu tun. Die Freude ist riesig, mit militärischer Präzision wird die Aktion durchgeführt. Was für ein Gefühl, als unsere Füsse den Sand berühren und wir tatsächlich auf der weissen Insel landen! Wir blicken rüber zum Denkmal, das gleichzeitig der Ort von Andrées Lager war. Unglaublich, dass die drei Männer eine Bruchlandung und eine monatelange Wanderung über das Packeis unter massivsten Strapazen überlebt hatten, nur um dann hier auf der Insel ihren Tod zu finden. Innerlich verneige ich mich vor der Leistung der drei Männer und hoffe, dass ihre Geister Ruhe gefunden haben. Auf jeden Fall sind meine Gäste, die mit mir auf dem Zodiac waren, statt in Freudenschreie in andächtige Stille versunken. Offensichtlich geht es allen ähnlich. Doch schon ist unsere Zeit abgelaufen, die nächste Gruppe macht sich bereit. Wir wagen einen Abstecher zum immer noch friedlich daliegenden Bären, der unsere Anwesenheit ein paar Mal mit einem Blick würdigt, aber sich sonst sehr ruhig verhält. Nachdem alle Kvitøya-Boden haben geniessen können, erkunden wir mit den Zodiacs PolarNEWS 47

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