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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Speedboote sind schnell.

Speedboote sind schnell. Das war jedenfalls so, bis die Bestände in den 1960er-Jahren von den Menschen dermassen überfischt waren, dass die verbliebenen Schwärme im Winter Schutz an der Küste Norwegens suchten. Wahrscheinlich, so nimmt man heute an, haben sich die Atlantischen Heringe mit dieser Strategie selber vor dem Aussterben gerettet. Inzwischen hat sich der Bestand erholt und grob geschätzt wieder ein Gesamtvolumen von 50 Millionen Tonnen erreicht. Zusätzlich wurde der Fischfang international reglementiert, wodurch der Hering heute nachhaltig geschützt ist. Die Wanderung der Fische zu ihren Überwinterungsgebieten aber ist geblieben. So sind sie zwar vorübergehend vor der industriellen Fischerei in Sicherheit, setzen sich aber neuen Risiken aus: In kleinen Fjorden kann die schiere Masse an Fisch den Sauerstoffgehalt im Wasser so stark reduzieren, dass sich die Heringe quasi selber ersticken. Oder sauerstoff-empfindlichere Fische wie Lachse gefährden, wie im Januar 2013 im Kaldfjord 20 Kilometer nördlich von Tromsø geschehen: Ein riesiger Heringschwarm kam in den Fjord, der Sauerstoffgehalt im Wasser sank von fast 90 Prozent auf knapp über 30 Prozent. Das führte innerhalb weniger Stunden zum Tod von 250’000 Lachsen, die in diesem Fjord in einer Zucht gehalten wurden. Das Echolot des Lachsfarmers gab an, dass das Meer über eine Strecke von 6 Kilometern vom Meeresboden 70 Meter hoch bis zur Oberfläche mit Heringen gefüllt war. Aber zurück zum Tysfjord: Dort war es den Heringen anscheinend zu geschäftig oder sogar zu eng, weswegen sie ihr neues Winterquartier weiter nördlich rund um Andenes vor der nördlichsten Vesterålen-Insel Andøya gefunden haben. Hier ist der Fjord breiter, und gleichzeitig sind die Versteckmöglichkeiten in den kleinen, angelagerten Fjorden scheinbar besser. So werden die Walbeobachtungsausflüge im Tysfjord immer weniger, während der Tourismus rund um Andenes immer mehr zunimmt. Schlaue Jagdtechnik Neu ist hier, dass nicht nur Orcas die Heringe jagen, sondern auch Buckelwale und Finnwale und andere Bartenwale dazugekommen sind. «Wir wissen nicht, warum nun auch grössere Wale bei der Jagd dabei sind», erzählt die gebürtige Französin Eve Jourdain, die sich in Andenes niedergelassen hat, um die Wale zu studieren. «Die Orcas steuern gezielt immer wieder Riffe in der Gegend an, um dort nach den Heringen zu jagen», erklärt Jourdain. «Wir versuchen das jedes Jahr zu dokumentieren, um die Tiere besser erforschen zu können.» Hauptsächlich durch Fotoidentifikation versucht sie die Orcas einzelnen Gruppen zuzuordnen und vergleicht die Ergebnisse mit denjenigen aus vergangenen Jahren. Sie konzentriert sich dabei vor allem auf den gräulichen Spot unterhalb der Rückenflosse der Tiere. Dieser ist mit einem Fingerabdruck der Menschen zu vergleichen und kann aufgrund von Abschürfungen und Beschaffenheit die Individuen eindeutig unterscheiden. Doch nicht nur das Zugverhalten der Wale wird erforscht, sondern auch besondere Verhaltensweisen wie das Schlagen mit der Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche, dessen Bedeutung bis heute nicht erklärt werden kann. Unter anderem zeigen Beobachtungen, dass dies auch als Drohung und Warnsignal an sich nähernde Boote eingesetzt wird, wenn die Distanz zu den Schiffen für die Tiere zu gering wird. Auch Expeditionsleiter Sven Gust bietet seinen Touristen neuerdings Ausflüge zu den Walen an und legt dabei Wert auf grösstmöglichen Komfort an Bord der «Seeblume». «Wir können einen warmen Tee und eine beheizte Kajüte bieten, während man auf den Schlauchbooten der anderen Anbieter schneller friert», so Gust. Alles hat seine Vor- und Nachteile: Mit den wendigen Schlauchbooten ist man rasch am Ort des Geschehens und kann in nur wenigen Minuten weite Strecken zurücklegen. Die «Seeblume» ist zwar langsamer, kann aber ihren Gästen Schutz für eine längere Zeit bieten. Das erhöht die Chancen, dem erwarteten grossen Fressen näherzukommen. Aber egal, wie es nun bewerkstelligt wird: Sind die Wale erst einmal entdeckt, sind auch alle Strapazen schnell vergessen. Trotzdem ist es gar nicht so einfach, die Wale näher zu Gesicht zu bekommen: Oftmals jagen die Orcas auf 80 Metern Tiefe mitten im Fjord, und von der Jagd selber ist somit nichts zu sehen. Ausser sie gehen taktisch vor: Dann umkreisen die Orcas den Heringschwarm, stossen starke Laute und Luftblasen aus. Diese wirken wie ein Käfig und zwingen die Heringe, enger zusammenzurücken. Sie bilden einen sogenannten Baitball. Dann schwimmen die Orcas unter dem Schwarm hindurch, stossen erneut Luftblasen aus und treiben den Schwarm an die Oberfläche – doch dort gehts nicht mehr weiter, der Blasenkäfig wird zur Sackgasse. Nun hechten die Heringe panikerfüllt aus dem Wasser: Die Meeresoberfläche beginnt zu brodeln wie kochendes Spaghettiwasser. Die Orcas brauchen ihre Beute nur noch «einzusammeln». Das tun sie, indem sie mit gezielten Schwanzschlägen die Heringe betäuben und die reglosen Fische in Massen verspeisen. Die Menschen an Bord der Schiffe können derweil deutlich die Rufe vernehmen, mit denen sich die Orcas untereinander verständigen. Auch der tiefe Ton des Blases ist, vergleichbar mit dem Fauchen eines Tigers, deutlich zu vernehmen. Wie riesige Schwerter schneiden die fast 2 Meter hohen Rückenflossen der Orcas durch das Wasser, während tausende, hunderttausende von Heringen aus dem Wasser springen. Die 26 PolarNEWS

Die Orcas formieren sich. Jagdtechniken der Orcas gehören zu den komplexesten im gesamten Tierreich. Auftritt der Buckel- und Finnwale: Ihre Jagdstrategie unterscheidet sich grundlegend von derjenigen der Schwertwale. Sie suchen sich eine dichtere Ansammlung von Heringen innerhalb des Schwarms und schwimmen einfach mit weit geöffnetem Maul hindurch. So können sie gleich auf einen Schlag mehrere hundert Kilo Fisch fressen, wofür die Orcas deutlich mehr Aufwand betreiben müssen. Stösst dann ein Finn- oder Buckelwal mit weit geöffneter Schnauze zwischen den Orcas durch die brodelnde Wasseroberfläche, ist die Szenerie an Spektakel kaum zu überbieten. Solche Jagdszenen dauern meistens nur 15 bis 30 Minuten. Für die Gäste auf den Booten ist es daher lohnenswerter, wenn die Orcas die Heringe an die Küste treiben. Dort können die Wale den Schwarm über eine grosse Länge kontrollieren, und die Fische können durch die natürliche Barriere nicht in die Tiefe verschwinden. Dann erstrecken sich die Jagdszenen meistens über mehrere Stunden. Die Crew auf der «Seeblume» fährt aber nicht in die Tiefen des Fjords hinein: Wir sind da, um unterzutauchen! Wir wollen die Jagd der Orcas live unter Wasser beobachten. Längst sind wir in die Trockentauchanzüge gestiegen, Skipper Per-Gunnar Mikkelsen hat unser Boot in die Nähe des brodelnden Wassers gebracht – und rein ins Vergnügen. Vorsichtig und genau im richtigen Moment gleiten wir Schnorchler ins Wasser – jeder ganz langsam, um möglichst keinen starken Wellenschlag zu verursachen. Die letzte Luft im Anzug entweicht zischend über das Ventil und die Halsmanschette. Schnell zwei Flossenschläge und den Kopf unter Wasser getaucht. Sofort spürt man die Kälte des 3 Grad kalten Atlantiks an den nicht von Neopren bedecken Stellen des Gesichtes, genauso wie den kalten Nacken, wo die Kopfhaube nicht richtig um den Anzug schliesst. Die Kälte ist aber augenblicklich vergessen, PolarNEWS 27

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