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PolarNEWS Magazin - 26 - CH

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Ein Nahrungsausflug

Ein Nahrungsausflug dauerte im Durchschnitt rund 42 Stunden. Dabei wurde fleissig getaucht: Jeder Tauchgang ging im Durchschnitt auf 21 Meter Tiefe runter und dauerte 64 Sekunden. Die Vögel tauchten fast 40 Mal pro Stunde. Solche Werte schwanken natürlich und hängen stark ab von der biologischen Reichhaltigkeit des aufgesuchten Meeresgebietes sowie vom Zeitpunkt innerhalb der Brutsaison. Eine ähnliche Studie eines südafrikanischfranzösischen Teams ging dem Tauchverhalten von Südlichen Felsenpinguinen auf der Marion-Insel nach, einer winzigen Vulkaninsel im südlichen Indischen Ozean, etwa 2200 Kilometer südöstlich von Kapstadt. Hier leben 65’000 Brutpaare des Felsenpinguins. 13 Vögel aus dieser Masse erhielten einen kleinen Datenspeicher aufgeklebt. Um sich für die kräftezehrende Mauser eine Fettreserve anzufressen, schwammen diese Vögel rund 750 Kilometer nach Süden (mit einer durchschnittlichen «Reisegeschwindigkeit» von 3,5 Kilometer pro Stunde), um im etwa 3,5 Grad kalten antarktischen Wasser etwas über einen Monat lang nach Nahrung zu suchen. Dabei tauchten sie vorwiegend in Tiefen von 30 bis 60 Metern (Bestleistung: 122,3 Meter, ein neuer Rekordwert für den Felsenpinguin!) und legten dank Zickzackkurs insgesamt an die 1800 Kilometer im offenen Meer zurück. Weniger produktive Meeresgebiete durchquerten sie schneller als solche mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot. Die rund 350 einzelnen Tauchvorgänge pro Tag führten dazu, dass jeder fresswillige Vogel zusammengenommen gute acht bis neun Stunden täglich unter Wasser verbrachte. Und welche Meeresfrüchte stehen auf dem Menu eines Felsenpinguins? Diejenigen von den Falklandinseln bevorzugen an erster Stelle Krebstierchen wie etwa Krill. Aber auch Kopffüsser (Tintenfische) und Fische werden verzehrt. Zickzack-Schwimmer Diese winterlichen Streifzüge durchs südliche Meer haben schon lange das Interesse der Wissenschaft geweckt. Was machen die Pinguine dort draussen im Meer? Wie weit ziehen sie weg? Wohin schwimmen die meisten? Moderne, kleine Datenlogger machens heute möglich, dass wir diesen reisefreudigen Vogel quasi begleiten können auf seinen Wanderbewegungen durch den Südozean. So hat man zum Beispiel auf der Staateninsel etliche Südliche Felsenpinguine mit Satellitensendern bestückt – und staunte über die beachtlichen Strecken. Im Durchschnitt waren die Pinguine an ihrem weitesten Punkt im Winter 440 Kilometer von ihrer sommerlichen Brutkolonie entfernt. Weil sie aber auf Nahrungssuche im offenen Meer ständig hin und her schwimmen, ist die tatsächlich zurückgelegte Strecke beträchtlich grösser. An die 2000 Kilometer betrug die durchschnittliche Reisestrecke. Dabei bewegen sie sich mit rund 3 Kilometern pro Stunde vorwärts. Gewisse Raser brachten es auf eine Reisegeschwindigkeit von 7, 9, ja sogar 17,3 Kilometer pro Stunde, wobei in solch krassen Fällen wohl auch die Meeresströmung ein bisschen mitgeholfen hat. Während die Felsenpinguine von der Staateninsel im südlichen Spätherbst (von März bis Mai) in einem riesigen Meeresgebiet zwischen den Falklandinseln, der Drake- Passage und den antarktischen Südshet- Links: Der Südliche Felsenpinguin Eudyptes chrysocome ist kleiner als seine nördlichen Verwandten. Rechts: Nach etwa 13 Wochen sind die Jungtiere erwachsen. Sie werden bis zu zehn Jahre alt. Bilder: Priska Abbühl, Ruedi Abbühl 18 PolarNEWS

landinseln nach Nahrung suchten, verkleinerte sich das Aufenthaltsgebiet im Südwinter (Juni, Juli) auf Meeresgebiete rund um die Südspitze von Südamerika. Anders ihre Artverwandten von den Falklandinseln: Ihr bevorzugtes Winterresort war ein etwa 12’000 Quadratkilometer grosses Meeresgebiet rund 50 Kilometer vor der Küste von Puerto Deseado in der argentinischen Provinz Santa Cruz. Dort halten sich gut 171’000 falkländische Felsenpinguine auf. Leider sind just in jenen Gewässern auch viele menschliche Aktivitäten zu verzeichnen, etwa die kommerzielle Fischerei, und Schifffahrtsrouten mit der Gefahr von Ölverschmutzung. Quecksilber-Speicher Ein Leben im Meer birgt heutzutage Risiken. Selbst wer weitab im Südozean unterwegs ist, bekommt sein Quantum an Schadstoffen. Dem Felsenpinguin ergeht es nicht anders… Einige französische Umweltwissenschaftler führten vor ein paar Jahren im südlichen Indischen Ozean eine detaillierte Untersuchung an 170 Vögeln mehrerer Pinguinarten durch. Das Ziel war, den hochgiftigen Quecksilbergehalt im Vogelkörper zu messen. Am einfachsten analysiert man dazu die Federn. Gleichzeitig ging man in Museen und nahm dort 62 ausgestopfte Pinguine unter die Lupe, welche in den 1950er- und den 1970er-Jahren auf den gleichen Inseln gelebt hatten. Die Ausbreitung von Quecksilber in den Nahrungsketten ist ein weltweites Problem. Gerade Pinguine sind gut geeignete Bioindikatoren (Zeigerarten), um verschmutzte Nahrungsketten aufzudecken. Das Fazit der Studie vorneweg: Alle Pinguin-Arten, auch Felsenpinguine, die in den Französischen Süd- und Antarktisgebieten brüten (das sogenannte TAAF; umfasst zum Beispiel das Adélieland auf Antarktika, den Kerguelen-Archipel und einige weitere Inselchen im südlichen Indischen Ozean), trugen Quecksilber im Körper. Vögel aus der Antarktis waren weniger stark betroffen als diejenigen weiter nördlich. Zudem hatten hauptsächliche Fischfresser mehr Quecksilber akkumuliert als solche, die vorwiegend Krebstiere jagen. Und wie erwartet, waren Pinguine, welche in den 1970er-Jahren gelebt hatten, weniger kontaminiert als heutige Individuen. Felsenpinguine von der Südspitze Südamerikas wiesen etwas über 5 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Federn auf. Ihre Artgenossen auf den Kerguelen oder den Crozet-Inseln waren mit 1,8 bis 2,5 Mikrogramm weniger stark vergiftet. Aber auch ohne an den Giftcocktail im Körper zu denken, gibt die Abnahme der Populationen zu denken. Auf den Falklandinseln hat es momentan über 80 Prozent (!) weniger Felsenpinguine als in den 1930er-Jahren. Auch andernorts sind die Zahlen alarmierend, zum Beispiel bei der Marion-Insel: ein Verlust von etwas über 50 Prozent von 1987 bis 2013, von ursprünglich 138’000 Brutpaaren auf heute nur noch 65’000 Brutpaare. Oder die Campbell-Insel. Von dort wird ein Verlust von 1,5 Millionen Paaren (94 Prozent des einstigen Vorkommens) zwischen 1942 und 1986 gemeldet. Als Ursache steht die Klimaveränderung im Vordergrund. Und auf der Isla de los Estados (Staateninsel) ging die Population zwischen den Jahren 1998 und 2010 um einen Viertel zurück. Viele Gefahren Obwohl zurzeit nicht ganz klar ist, weshalb es immer weniger Felsenpinguine gibt, ist die Liste der Bedrohungen bedenklich lang. Früher war das Einsammeln der Eier in einigen Kolonien (bis in die 1950er-Jahre) ein Grund für die Abnahme der Population. Oder Krabbenfänger verwendeten Pinguinfleisch als Köder in ihren Fangkörben. PolarNEWS 19

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