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PolarNEWS Magazin - 25 - CH

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Wir wecken Ihr Fernweh!

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Gute Laune: Diese Festbesucher geniessen einen Schwatz inmitten der Rentiere. Der Anlass bietet auch die Gelegenheit, alte Bekannte zu treffen. Syndassko. Spiridon hat die für die Rennen vorgesehenen Rentiere an seinen Schlitten gebunden. Cuba wird in ein Rentierfell gepackt und Irma schaut, dass der Winzling auf der ruppigen Fahrt nicht plötzlich vom Schlitten fällt und verlorengeht. Die grossen Hunde versuchen, das Tempo der Schlitten mitzuhalten. Die Familie gleitet auf ihren Schlitten über die vom letzten Sonnenlicht glitzernden, nicht enden wollenden Schneeflächen hin. Die grosse Feier Die Nacht hat die ganze Familie in der Kleinstwohnung von Tante Anna verbracht. Schon früh am Morgen eilen Irma und Markel zum Gemeindehaus von Syndassko. Vor dem Eingang schubsen sich schon andere Kinder gegenseitig in den Schnee. Auch sie haben ihre schönsten Jacken und Stiefel angezogen, wird doch am Nachmittag das bestangezogene Kind von Syndassko prämiert. Langsam treffen aus allen Himmelsrichtungen auch die Erwachsenen ein. Da heute zudem das 85-jährige Bestehen von Syndassko gefeiert wird, sind auch viel Prominenz und zwei Fernsehteams mit dem Helikopter aus der 2000 Kilometer entfernten Hauptstadt Krasnojarsk eingeflogen. Nina, die umtriebige Bürgermeisterin, führt souverän durch den Festakt. Dutzende vom Parlamentspräsidenten von Krasnojarsk unterzeichnete Dankesurkunden werden an verdiente Dorfbewohner verteilt, wie in alten Sowjetzeiten. Dazu gibt es Blumen aus Krasnojarsk und viel Applaus im bunt dekorierten Saal. Auch Anna wird auf die Bühne gebeten und mit einer Dankesurkunde für ihren ausserordentlichen Einsatz in der Gemeinde geehrt. Für die Kinder wird es erst wieder interessant, als sich die Festgemeinschaft zum Festplatz begibt. Die kleine Prozession wird angeführt von Elvira, einer Freundin von Cousine Mira, sie reitet auf einem Rentier. Nach ihr folgen die Fahnenträgerinnen. Einer der Höhepunkte des Festes ist das Rennen der Männer. Zwölf Rentierschlittengespanne werden in Position gebracht. Von Spiridons Familie sind Mikhail, Makar und Iwan mit je einem Schlitten dabei. Der Start verläuft chaotisch, und so ist für Iwan der Wettbewerb bereits nach wenigen Metern zu Ende. Das Rennen geht über 15 Kilometer. Während die Gespanne unterwegs sind, probieren Irina und Dascha die in den Festzelten aufgetischten kulinarischen Köstlichkeiten und geben anschliessend ihre Bewertung ab. Am Abend werden die besten Köchinnen prämiert. Nach einer halben Stunde stürmt die ganze Festgemeinschaft Richtung Ziel. Drei Schlitten kämpfen im Endspurt dicht an dicht um den Sieg. Kurz vor dem Ziel wird der mehrfache Sieger vergangener Rennen auf den dritten Platz verwiesen. Mit nur wenigen Metern Vorsprung gewinnt schliesslich die Nummer 6: «Das ist Mikhail!», jubelt Irma. Sogleich wird er von Freunden und Verwandten umringt und hochgehoben. Noch völlig ausser Atem, kann dieser es kaum fassen. Mikhail erhält nebst einem Glas Krimsekt einen Geldpreis von 300’000 Rubel, was dem Wert eines Buran oder 100 Rentieren entspricht. Für Irma und Markel gibt es eine Cola, einen extrem seltenen Genuss. Lange bewahren sie ihren Schatz, bevor sie sich doch noch entschliessen, die Büchse auszutrinken. Irma ist sichtlich stolz auf ihren Onkel. Weniger Glück hat ihre Mutter. Beim Rennen der Frauen verläuft der Start für Dascha nicht wie gewünscht. Die Rentiere laufen in die falsche Richtung und sind nicht zu bewegen umzudrehen. Dascha gibt enttäuscht auf. Gefeiert wird trotzdem noch lange, Spiridon spendiert eine Flasche Wodka. Es bleibt nicht bei dieser einen, denn jetzt besteht fast das ganze Dorf nur noch aus Freunden. Kein Wolf-Problem Nach dem Fest und den Schulferien wird Irma nicht mehr zurück in die Schule gehen. Sie wird zusammen mit Markel und ihren Eltern in die Republik Jakutien auswandern, wo ihre Eltern als Rentiernomaden eine eigene Existenz aufbauen wollen. Das hat verschiedene Gründe. Die Grösse der Rentierherde von Spiridons Familie ist mit knapp 200 Tieren eher klein – und sie wird stetig kleiner. Es seien nicht die Wölfe, die die Herden dezimieren, erklärt Spiridon. Das Hauptproblem ist, dass sich Rentiere niemals gänzlich domestizieren lassen – und rund um die Camps der Familie ziehen wilde Rentierherden mit mehreren hunderttausend Tieren durchs Land. Sobald die halbdomestizierten Rentiere mit einer wilden Rentierherde in Kontakt kommen, schliessen sich einige Tiere den wilden Herden an – und sind für den «Hausgebrauch» verloren. Umgekehrt kann man wilde Rentiere nicht domestizieren. Um die Nutzherden zu vergrössern, braucht es deshalb neben eigenem Nachwuchs auch Importe von halbwilden Tieren aus anderen Regionen. Auch die für die Belange der Rentiernomaden wenig Verständnis aufbringende Politik sorgt für den Niedergang der Rentiernomaden. Die Nomaden werden nicht mehr im gleichen Umfang unterstützt wie zu Sowjetzeiten und auch nicht wie in der Nachbarrepublik Jakutien, die nur 150 Kilometer entfernt liegt. Hier leben ebenfalls Dolgan. Zudem sind die Lebensmittelkosten in Jakutien tiefer. Dies alles führt dazu, dass die Dolgan-Nomaden in der Region Krasnojarsk nur noch schwer als Rentiernomaden überleben können. Daschas und Iwans Entscheid ist einerseits traurig, aber gleichzeitig eine Chance. So können sie ihr Nomadenleben und ihre Kultur weiterführen und bleiben in Besuchsdistanz zu ihrer Familie. Für Irma aber geht damit der Wunsch in Erfüllung, noch möglichst lange das Eingesperrtsein in Dorf, Wohnung und Schulzimmer hinauszuzögern. PolarNEWS 59

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