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PolarNEWS Magazin - 25 - CH

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ganze Szenerie etwas

ganze Szenerie etwas mystisch erscheinen lässt, und einige Buckelwale, die vor den Eiskolossen auf Nahrungssuche sind. Wer denkt denn da an Geschichte... Rein in die Zodiacs und auf gehts zum Walund Eisberg-Cruising! Zwei Stunden später ist das Grinsen aus den Gesichtern der Leute nicht wegzukriegen, während sie das Gesehene verarbeiten und wir in den Hafen von Ilulissat einfahren möchten. Doch kleine Eisberge direkt in der Einfahrt blockieren scheinbar den Weg. Kein Problem für unseren Kapitän: Der holt sich nämlich in aller Ruhe einen Kaffee, begibt sich zur Freiluft-Steuerkonsole, schiebt mit dem Schiff alle Hindernisse sachte zur Seite und parkt den 100 Meter langen Kahn locker am knapp 130 Meter langen Pier seitwärts ein. Die unglaubliche Aktion wird am Abend bei der Besprechung die Passagiere zu Begeisterungsstürmen hinreissen. Doch zuerst geniessen wir einen gemütlichen Nachmittag in dem knapp 4500 Einwohner zählenden Ort. Ein paar Kilometer ausserhalb erwartet uns ein atemberaubender Ausblick auf den Eisfjord, der dichtgepackt mit Eisblöcken und Eisschollen in der Nachmittagssonne glänzt. Ein herrlicher Anblick, man hört nichts als den Wind und das Knacken und Krachen des Eises, Raben und Möwen auf Nahrungssuche und das Klicken der Kameras. Während ich mit Gästen die Aussicht geniesse, denke ich an die Männer, die 150 Jahre zuvor hier waren. Wahrscheinlich hatten sie weder die Zeit noch die Musse, diese Giganten zu bestaunen. Eisberge waren der Todfeind der alten Holzschiffe, und man machte lieber einen grossen Bogen um sie herum, statt wie wir so nahe wie möglich an sie heranzufahren. O tempora, o mores! Auch die folgenden Tage, die wir an der Westküste von Grönland verbringen und die uns in die Nähe von mächtigen Gletschern, Eisbergen und pittoresken grönländischen Siedlungen führen, sind ungewöhnlich sonnig und warm. «So habe ich mir Grönland aber nicht vorgestellt», sagt mir einer der Gäste eines Abends, als wir mit einem Drink in der Hand draussen auf Deck stehen und die Abendsonne geniessen. Auf meine Frage, wie er es sich denn vorgestellt habe, meint er nur: «Wilder!» Tja, da hat er wohl recht: Keine Gewehre zum Schutz vor Eisbären und überhaupt: keine wilden Tiere. Kein schlechtes Wetter, keine Wellen, kein Drama. Grönland gibt sich eher zahm, zumindest diese Region. Ganz anders, als sie in den Beschreibungen der alten Forscher dargestellt wurde. Na ja. Wir machen uns auf den Weg nach Kanada, hinein in die geheimnisvolle, wilde und raue Nordwestpassage. An der Passage: Die Hüter des Eingangs Die Einfahrt in die Nordwestpassage sieht tatsächlich aus wie ein Eingang: berggesäumte Küstenlinien auf jeder Seite und ein tiefer Einschnitt dazwischen. Das Ganze umrahmt von Sonnenschein und leichtem Wind. Ich bin mir nicht sicher, ob Franklin ähnliche Bedingungen vorgefunden hatte, als er 1845 in genau diesen Lancaster Sound hineinsegelte. Mein Kollege Mikolaj, ein polnischer Meeresbiologe mit einem grossen Faible für Historie und gutes Essen, meint, dass damals die Hoffnung gross gewesen sei, innerhalb von zwei Jahren die Passage zu finden und als Helden nach Grossbritannien zurückzukehren. Franklins letzte Chance auf Ruhm und Ehre – ansonsten würde er nur als schuhfressender Expeditionsleiter in die Geschichte eingehen. Was er dafür, im Gegensatz zu uns, nicht über sich ergehen lassen musste, war die bürokratische und gar nicht so einfache Anmeldung bei den kanadischen Behörden. Tatsächlich haben wohl die Briten diesen amtsschimmligen Alptraum nach Kanada gebracht. Wir stehen nämlich vor Pond Inlet und haben einige wichtig aussehende Herren und Damen der kanadischen Immigrationsbehörde an Bord, die penibel unsere Pässe, alle Schiffdokumente und den Hygienezustand des gesamten Schiffes untersuchen wollen. Hätten diese Beamten ihre Inspektion schon 1845 durchgeführt, wäre die Geschichte der Franklin-Expedition wahrscheinlich ganz anders ausgegangen. Dann hätten die Behörden wohl die «Erebus» und die «Terror» wegen Verstössen gegen Lebensmittelhygiene- Vorschriften nach Hause geschickt. Immerhin: Dann hätten wahrscheinlich sämtliche Teilnehmer überlebt, und die nachfolgenden Expeditionen hätten sich auf die Suche nach der Nordwestpassage statt nach verschollenen englischen Abenteurern konzentrieren können… Aber meine Gedanken schweifen wieder mal ab. Die grosse Frage: Wie viel Arktis ist magisch? Endlich erhalten wir die Erlaubnis, an Land zu gehen. Wir verbringen den Nachmittag im Ort, werden in der Gemeindehalle mit Tanz, Gesang, Sport und Geschichten in die Kultur der kanadischen Inuit eingeführt und schlendern danach durch den Ort. Was für ein Kontrast zum Gesehenen und Erlebten in Grönland: Pond Inlet scheint viel weniger gepflegt als Uummannaq, unser letzter Besuchsort in Grönland. Die Häuser hier sind schäbiger, alles ist staubig und scheint die besten Jahre hinter sich zu haben. Doch die Leute sind genauso stolze und warmherzige Gastgeber wie die Grönländer und erzählen freizügig von ihrem Alltagsleben hier am Eingang zur Passage. Als wir wieder losfahren, klart auch der Himmel auf, und die gesamte Szenerie verliert etwas von der Tristesse, die den ganzen Nachmittag über dem Ort gehangen hat. Der Wind flaut ab, das Wasser wird spiegelglatt und der Eclipse Sound, unsere Wasserstrasse, erstrahlt im sanften Licht der lauen Abendsonne. Es fällt schwer, sich unter diesen Umständen gewahr zu werden, dass wir uns in jener wilden, rauen und unbarmherzigen Region der Arktis befinden, die unter anderem das Leben von Sir John Franklin und seinen 128 Männern gefordert hat. Gleichzeitig aber merken wir, die wir mit Drinks und Fotoapparat draussen stehen, dass die Magie der Arktis uns wieder packt und wir uns aufs Neue in sie verlieben. Erst recht, als wir dichte Nebelbänke durchstechen. Denn hinter jedem Nebel liegt etwas Verborgenes. So auch in der Crocker Bay, einer Bucht auf der Südostseite von Devon Island. Hinter der dichten grauen Nebelsuppe eröffnet sich uns weitflächiges Wasser mit Eisbrocken. Dazu abgeflachte Hügel und karge Tundra mit einem mächtigen Gletscher – eine typisch hocharktische Szenerie. Gekrönt wird dieser Schauplatz von gleich zwei Eisbären: einem an Land, der sich nicht um uns Besucher schert, und einem auf einem Eisbrocken, der sich gemächlich über die Überreste einer Robbe hermacht. Das ist Spektakel pur! 30 PolarNEWS

Von oben: Abendstimmung in der Nordwestpassage, wo der Himmel mit dem Wasser verschwimmt; Mondaufgang über dem kanadischen Festland auf dem Weg nach Gjoa Haven; mystische Stimmung dank eines Eisbergs im Nebel der Bucht von Ilulissat. PolarNEWS 31

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