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PolarNEWS Magazin - 24 - CH

Historisch Der Nordpol

Historisch Der Nordpol bleibt unerreicht Multimillionär schickt unerfahrenen Grafiker zum Nordpol. Schlechte Idee! Die Fiala-Ziegler-Expedition blieb schon auf Franz-Joseph-Land stecken. Text: Karin Schleifer Samstag, 21. Dezember 1903, Teplitzbucht vor der Rudolf-Insel, der nördlichsten Insel von Franz-Joseph-Land: Expeditionsleiter Anthony Fiala (1869–1950) erwacht am frühen Morgen in seiner Kabine durch ein bedrohliches Knirschen, Knacken und Krachen. Das Expeditionsschiff «America» zittert wie bei einem Erdbeben. Hastig zieht sich der 34-jährige New Yorker an und begibt sich an Deck, wo sich ihm ein Bild des Grauens bietet. Riesige Eisbrocken türmen sich an der Steuerbord-Seite auf, und Fiala muss zusehen, wie sie die Reling unter sich zermalmen, als wäre diese aus Papier. Noch läuft der Schiffsmotor und damit auch das elektrische Licht. Fiala und seine Crew beginnen hektisch, Ausrüstung und Proviant zusammenzupacken. Der Chef schickt einen Matrosen zum 1,5 Kilometer entfernten Basislager am Land. Die dort stationierten Männer eilen mit Ponys und Hundeschlitten herbei. Den Donner der mahlenden und sich auftürmenden Eisschollen in den Ohren, bringen sie Kleider, Bettzeug und Nahrungsmittel von Bord und an Land in Sicherheit. Das Schiff schlägt leck, Wasser dringt in den Maschinenraum ein, die Maschinen stoppen und das Licht erlischt langsam. Für Fiala Sinnbild für das Erlöschen der Seele der «America» – so beschrieb er es später wehmütig in seinem Expeditionsbericht. Im Licht einer Kerze rafft er die letzten Wertgegenstände zusammen und verlässt, zusammen mit seinem Chefingenieur, als letzter das Schiff. Über eine Strickleiter klettern sie vom Vorderdeck auf das Eis und retten sich an Land. Wie war es so weit gekommen? Reicher Sponsor Im Juni 1903 war die «America» von Tromsø in Norwegen ausgelaufen. 39 Mann, darunter Seeleute, Forscher, Ärzte, Handwerker, Tierpfleger und Konstrukteure, 218 Schlittenhunde und 30 Ponys umfasste die Expedition, der es hinsichtlich Ausrüstung an nichts fehlte. Denn finanziert wurde sie vom deutschstämmigen New Yorker Chemie-Industriellen und Multimillionär William Ziegler (1843– 1905). Reich geworden war Ziegler als Mitgründer der Royal Baking Powder Company, also mit der Produktion von Backpulver. Privat gesponserte Expeditionen in die Arktis waren verbreitet zu Beginn des 20. Jahrhundert. Dabei ging es diesen Financiers, Tycoons und Superreichen primär um den Ruhm und die Ehre, für ihr Land den Nordpol zu entdecken. Nebeneffekt war, dass man sich im wahrsten Sinn des Wortes geografisch verewigen konnte: Entdecker stiessen in bisher unbekannte Gebiete vor, kartierten neu entdeckte Inseln, Buchten oder Wasserstrassen und benannten sie nach ihren Unterstützern, nach Staatsoberhäuptern oder berühmten Forscherkollegen. Auch Ziegler war getrieben vom Ehrgeiz, seinen Namen in der Geschichte der Arktisforschung zu verewigen – und zwar als derjenige, der die Entdeckung des Nordpols ermöglicht hatte. Erste Expedition scheitert Schon 1901 hatte Ziegler eine erste Expedition finanziert. Das Kommando hatte Evelyn B. Baldwin (1862–1933), ein Meteorologe und Teilnehmer früherer Arktis-Expeditionen. Als Fotograf mit dabei war auch Anthony Fiala. Die «America», ein ehemaliges Walfangboot, war ebenfalls bereits für diese erste Ziegler-Expedition im Einsatz. Ihr Ziel war es, vom nördlichen Franz-Joseph-Land aus mit Hunde- und Ponyschlitten den Nordpol zu erobern. Doch schwierige Eisbedingungen, Inkompetenz und Reibereien zwischen Baldwin und der Besatzung bewirkten das Scheitern der Expedition. Am 1. August 1902 kehrte Baldwin nach Norwegen zurück, ohne über Franz- Joseph-Land hinausgekommen zu sein. William Ziegler war ausser sich, als er von Baldwins Unfähigkeit und Rücksichtslosigkeit erfuhr, und setzte ihn sogleich ab. Zweiter Versuch mit Fiala Anthony Fiala wurde mit der Leitung der Folgeexpedition beauftragt. Anders als der Bilder: zvg 50 PolarNEWS

Die «America» steckt in der Teplitzbucht fest – und wird bald vom Eis zermalmt. PolarNEWS 51

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