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PolarNEWS Magazin - 24 - CH

für verhältnismässig

für verhältnismässig sehr wenig Menschen. Diese müssen also ihre Vorratshaltung weitsichtig planen. Sie geniessen aber dank ihrer Abgeschiedenheit auch eine grosse Unabhängigkeit. Die Klimaerwärmung bedroht jedoch zunehmend ihre Existenzgrundlage: die Robbenjagd. Für die Bevölkerung gilt deshalb die Devise: Anpassen, auch wenn dies mit einem zumindest teilweisen Verlust ihrer Kultur zusammenhängt. Die Entwicklung der Fischerei und des Tourismus im hohen Norden Grönlands sind sicher gute Ansätze dazu. Sorgfältige Planung Wer eine Reise nach Nordgrönland plant, kommt an Hans Jensen nicht vorbei. Jensen ist Inuit, Anfang 60, in Qaanaaq aufgewachsen, Hobbyfotograf und die Ansprechperson für Forscher und Touristen. Er kann fast alle Wünsche erfüllen. Hans betreibt das am nördlichsten gelegene Tourist Office der Welt und ein kleines Hotel mit fünf Zimmern. Die Räume hängen voller Erinnerungsfotos von Besuchern aus der ganzen Welt. Auch einige berühmte Namen sind darunter. Seine technische Ausrüstung ermöglicht uns, vor dem Start unserer einwöchigen Rundtour die aktuellen Satellitenaufnahmen zu studieren, damit wir unterwegs allfällige heikle Stellen mit dünnem Eis umfahren können. Unsere beiden Hundeschlittenführer Paulus und Adu, ebenfalls Inuit, helfen uns beim Studium der Karten. Die Tour in die Weiten der Eiswüste muss sorgfältig vorbereitet sein, denn die Versorgung eines Unfall- oder eines Notfallopfers ist schon im Dorf schwierig: Das nächste Krankenhaus befindet sich drei Flugstunden entfernt in Nuuk. Die Kontaktmöglichkeiten zur Hauptstadt sind stark beschränkt. Die beste Bekleidung Nachdem wir unser Zimmer bei Hans Jensen bezogen haben, wird unsere Hightech- Ausrüstung von den Inuit geprüft und als ungenügend eingestuft. Sie rüsten uns mit ihrer traditionellen Jagdbekleidung aus: Eisbärenfellhosen, Robbenjacken und Eisbärenfellstiefeln. Der Empfehlung, darunter fast nichts zu tragen, trauen wir nicht so recht. Unterwegs wird sich dann aber herausstellen, dass Thermowäsche und je nach Wetterprognose eine Shelljacke als «fast nichts» tatsächlich genügen. Der Eisbär kann dank seines Fells bei einer Aussentemperatur von bis minus 40 Grad eine Körpertemperatur von plus 37 Grad aufrechterhalten – und das auch mit nassem Fell. Physiker haben herausgefunden, warum das so ist: Zwar ist das Fell mit 5 Zentimetern ziemlich dick, und die Fellhaare sind innen hohl und können warme Luft speichern. Noch wichtiger aber ist die Tatsache, dass das Eisbärenfell die infrarote Wärmestrahlung des Bärenkörpers reflektiert. Tatsächlich ist ein Eisbär auf einer 38 PolarNEWS

Oben: Der Leithund führt die Schlittenhunde an. Ganz links: Wo ist die Robbe? Adu auf der Pirsch. Links: Die Fjorde von Grönland sind gross und eindrücklich. Infrarotfotografie kaum zu sehen. In der strahlenden Sonne aber glitzern unsere Eisbärenfellhosen in allen Spektralfarben wie ein Regenbogen. Für unsere Hände kriegen wir eine Dreifachschicht Handschuhe und für die Füsse eine Dreifachschicht Socken. Auch wenn die Temperaturen bei minus 20 Grad nicht als extrem tief bezeichnet werden dürfen: Hände und Füsse werden nach fünf bis sieben Stunden Schlittenfahrt trotzdem gefühllos vor Kälte... Ein Hunde-Unfall Das Dahingleiten auf den Schlitten über das gefrorene Meer hat etwas Meditatives. Hörbar ist nur das stundenlange Rauschen über das Eis. Die Hunde geben das Tempo an. Hin und wieder erhöhen sie ohne ersichtlichen Grund ihre Laufgeschwindigkeit. Der Hundeschlittenlenker dirigiert die Tiere mit einer Peitsche, die er aber nicht zur Bestrafung, sondern zur Kommunikation einsetzt. An unseren beiden Schlitten ziehen 14 beziehungsweise 17 Hunde. Sie laufen nicht hintereinander, sondern nebeneinander in einer mehr oder weniger geraden Linie, die vom Leithund angeführt wird. Jeder Hund kennt genau seinen Platz in der Reihe und versucht, diesen wieder einzunehmen, wenn es zu einem Rückstau kommt oder die Seile sich ineinander verheddern. Die Hunde müssen – während die andern weiter rennen – innert ein paar Sekunden Darm und Blase entleeren, sonst werden sie brutal mitgerissen. Ihre Nahrung ist auf diesen Umstand ausgerichtet. Einmal kommt es gar zu einem regelrechten Unfall: Ein junger, offensichtlich unerfahrener Hund verstrickt sich so stark in die Seile, dass er stolpert und vom Schlitten überfahren wird. Das sind Transportschlitten, vollbeladen sind die problemlos 1000 Kilogramm schwer. Sofort springen wir vom Schlitten ab und heben die Kufe an, ich durchlebe Schrecksekunden mit Schweissausbrüchen und befürchte, dass der Hund längst tot ist. Doch der schüttelt sich nur benommen und scheint keinen weiteren Schaden davongetragen zu haben. Den Rest des Tages kriegt er frei. Am nächsten Tag wird er wieder eingespannt. Aus Rücksicht auf seine zarten Hundepfoten starten wir am Morgen aber nicht allzu früh, so dass die schlimmste Kälte schon vorbei ist, wenns losgeht. Ein anderer Hund reibt sich im Eis eine Pfote wund. Die Inuit streichen etwas Sprit darüber, und er darf einen halben Tag neben den Schlitten laufen. Auch ich laufe manchmal neben dem Schlitten – nämlich dann, wenn ich meine Zehen vor lauter Kälte nicht mehr spüre. Alle zwei bis drei Stunden schalten wir eine Pause. Dann trinken wir heissen Tee, und zum Händewärmen wird der Primuskocher in Gang gesetzt. PolarNEWS 39

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