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PolarNEWS Magazin - 24 - CH

erinnert. Wir seien nur

erinnert. Wir seien nur zu Besuch, hiess es, während die «Ortelius» langsam den Isfjorden verliess und ihren Bug in Richtung offenes Meer drehte. Das Land gehöre den Polarbären, und keiner der Guides wolle jemals in seinem Leben auf einen Bären schiessen, wurde die ambivalente Einstellung der Crew zu den Waffen ganz deutlich. Rückzug sei die Devise, sobald ein Bär in die Nähe käme. Und so fahren und suchen sie auch erst gewissenhaft den Strand ab, bevor es für die Gäste zum Müllsammeln oder zu Erkundungen und Wanderungen an Land geht. Ist man dort erst einmal in eine Gruppe eingeteilt, ist ein Wechsel nicht mehr ganz so einfach. Weil dann ein Bewacher für eine einzelne Person abgestellt werden muss – was auch Andreas Jäggi, der sonst eher Antarktis-erprobt ist, ziemlich verdutzt feststellt. Er irrt sich in der Marschrichtung und steht so auf einmal vollkommen unbeabsichtigt zwischen den Gruppen und nicht mehr im Blickfeld der schützenden Beobachter. Pfiffe und Rufe bringen ihn schnell wieder zurück in die richtige Spur. Die Gefahr, auf einen Eisbären zu treffen, kennt er nicht aus dem Südpolarmeer. Die Guides Pernille Søergaard aus Kopenhagen und Barbara Post aus Innsbruck passen mit Adleraugen auf ihre Schäfchen auf. Suchen das Hinterland durch ihre Feldstecher ab. «Ich mag keine Waffen, wirklich nicht», erklärt die österreichische Biologin beim Kontrollieren ihres Gewehrs und dreht sich auch schon wieder in Richtung Land. Wenn es darauf ankäme, würde sie aber trotzdem schiessen, doch gelte es, auf alle Fälle eine solche Situation zu vermeiden. Einer der Guides erzählt später, dass ein solcher Schuss für ihn das Ende seiner Zeit in der Arktis bedeuten würde, vielleicht wäre es sogar das Ende seiner Zeit als Naturführer überhaupt. Müll von weit her Und so suchen sie das Land ab, während direkt am Strand all das eingesammelt wird, was wir zu Hause weggeworfen haben. Nur ein paar Meter hinter der Wasserlinie, denn dort werden die meisten Plastikteile angespült. Der Westspitzbergenstrom, ein Ausläufer des warmen Golfstroms, gibt die Fliessrichtung vor. Er bringt die so widerstandsfähigen Plastikteile hier hinauf in die arktische Unberührtheit. Während die Gruppe aufräumt, überwacht Pernille die Gegend auf Eisbären. Die gräulichen, ausgeblichenen Baumstämme daneben, unter denen sich Paketbänder und Luftballonreste verstecken, sind dagegen auf den sibirischen Flüssen beim Flössen verlorengegangen. Auch sie hat es nach Spitzbergen verschlagen. Einst war das Holz kostbar für die Trapper, da sie damit ihre einfachen Hütten bauen konnten. Doch das war nicht immer da. Zu Zeiten der Walfänger waren diese dazu verpflichtet, eigenes Holz für ein Kreuz mitzubringen. Falls sie denn ihre Fahrt in die Arktis nicht überleben sollten, sollte wenigstens das religiöse Symbol ihr Grab schmücken. Mehr Bäume gibt es nicht. Einen Wald wird man auf Svalbard vergebens suchen. Spitzbergen wird auch als arktische Wüste kategorisiert. Im Sommer wächst trotzdem erstaunlich viel – Alpensäuerling, Arktisches Hornkraut, Stengelloses Leimkraut, Roter Steinbrech und sogar Minibäume: Die Polarbirke bringt es auf wenige Zentimeter Höhe. Im Wald verlaufen kann man sich also nicht. Vielmehr muss man aufpassen, dass man nicht drauftritt auf den Forst. «Probiert immer aufs Geröll zu treten und nicht auf die Pflanzen, vor allem nicht auf die Ränder der bewachsenen Flächen», sorgt sich der Neuseeländer Ben Jackson noch beim Landgang um die Flora und setzt dabei ganz vorsichtig die klobigen Stiefel auf den weichen Tundraboden. Rinnsale fliessen in Richtung Ozean. Die oberen Bodenschichten tauen bei sommerlichen Plusgraden auf und entlassen ihre Feuchtigkeit ins Meer. Hier weicht man also nicht nur dem Bären aus. Auch dann nicht, wenn man am Land für Ordnung sorgen möchte. Ein Bär schleicht sich an Da man das allerdings nicht überall darf, hat der Sysselmann, der Gouverneur von Spitzbergen, vorgegeben, welche Strände aufgeräumt werden sollen. Dort, wo sogenannte Kulturgüter herumstehen, ist es sowieso verboten, auch nur das kleinste Teilchen zu entfernen. In Virgohamna zum Beispiel. Hier war einst das Basiscamp von Salomon August Andrée und Walter Wellman, die Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20sten mit Ballon beziehungsweise Luftschiff zum Nordpol starten wollten. Die Umrisse des Hangars sind noch zu erkennen, genauso wie rudimentäre Reste einer Walfangstation aus dem 17. Jahrhundert. Restauriert wird hier nichts, das trockene, kalte Klima zögert den Zerfall hinaus, konserviert beinahe. Manches Teil in dieser Bucht könnte man auch für Abfall halten, doch die Guides kennen sich nicht nur in der Natur aus, sondern lassen auch 26 PolarNEWS

die Geschichte Spitzbergens aufleben, erzählen vom dramatischen Scheitern in der Arktis, von Stürmen, Entbehrungen und grosser Gefahr. Letztere nähert sich in der Zwischenzeit in Form eines Eisbären. Rückzug, schnell und leise, keine lauten Rufe, die Landflucht gelingt wie einstudiert. Keiner möchte die Bären wirklich treffen, zumindest nicht an Land. 40 Stundenkilometer schnell können die grössten auf dem Land lebenden Raubtiere rennen, da bleibt keine Zeit mehr zur Flucht. Doch zu sehen ist der Ursus maritimus, der Meerbär, noch nicht, als die Zodiacs die Passagiere schon wieder zurück an Bord der «Ortelius» bringen. Der gesammelte Müll wird aufs Schiff verladen. Reise im Anschluss Auf den König der Arktis sollen aber auch die Müllsammler nicht verzichten. Nach zwei, drei Tagen Putzen ist dann auch Schluss. Alle Säcke sind gefüllt: 16 Kubikmeter Müll sind auf dem Achterdeck fest verzurrt, wesentlich mehr noch als im Jahr zuvor, während der ersten Aufräum-Expedition. «Dass wir so viel sammeln würden, hätte ich wirklich nicht gedacht, das ist Wahnsinn», bedankt sich Jim Mayer, der Expeditionsleiter, bei den putzwütigen Passagieren. Einige Sachen wären so gross gewesen, dass man sie nicht mit an Bord hätte nehmen können, antwortet er noch auf die letzten Fragen zum Thema Sauberkeit. Man habe die GPS-Daten an den Sysselmann durchgegeben, der sich um den Abtransport kümmern werde. Der Sysselmann war es übrigens, der 1999 zum ersten Mal die Bevölkerung von Spitzbergen dazu aufgerufen hatte, in einer koordinierten Aktion die Strände zu säubern. Das ist seither Tradition, und seit einigen Jahren schliessen sich auch Reiseveranstalter dem grossen Aufräumen an – wie eben wir jetzt. Manch einer der Passagiere hätte gern noch weiter sauber gemacht. Doch nach all dem Putzen soll es ins Packeis gehen, dorthin, wo der Eisbär sich während des Sommers zurückzieht, um weiter jagen zu können. Wenn er es denn schafft, rechtzeitig vom Land loszukommen. Dem Bären von Virgohamna ist dies nicht gelungen. Er muss nun sehen, dass ihm Eiderente, Eisente und Co. ausreichen, um satt zu werden. Und genau das zu erleben und zu erfahren, mache eine solche Expeditionstour aus, betont Dr. Peter Prokosch, Begründer des WWF-Arktis-Programms (1992) und Co- Founder der Organisation Linking Tourism & Conservation (LT&C), die für die Vereinbarung von Tourismus mit dem Schutz der Natur eintritt. «Durch das Erleben dieser einzigartigen Natur werden wir noch weiter sensibilisiert, für sie, unsere Umwelt und dafür, was mit ihr geschieht», erklärt er unermüdlich. Hält dann wieder sein Fernglas hoch und sucht erwartungsvoll die eisige Weite ab. Nördlich des 81. Breitengrades, da liegen sie dann, zwei Eisbären, wohlgenährt und faul. In unmittelbarer Nähe ragen noch die Rippen einer Bartrobbe aus dem Eis. Dem grössten Prädator der Arktis hat es gut geschmeckt, und satt ist er vor allem geworden, selbst jetzt mitten im arktischen Sommer. Im Winter geht er dann wieder an der aufgeräumten Küste auf die Jagd, dann, wenn das Eis zurückkommt in die Fjorde von Svalbard. Alles sauber. Übrig bleibt nur Schwemmholz. PolarNEWS 27

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